„Ohne die Konduktive Förderung könnte ich heute wahrscheinlich nicht gehen. Ich gehe vielleicht anders als andere, aber ich kann gehen. Ich kann schwimmen, Fahrrad fahren und mein Leben selbst gestalten. Hier hat nie jemand auf das geschaut, was ich nicht kann. Die Konduktorinnen und Konduktoren haben immer gesehen, was möglich ist. Dieses Vertrauen hat mich stark gemacht und begleitet mich bis heute."
Als Johannes Richtmann diese Worte vor den Gästen sprach, wurde es still. Der heute 24-Jährige wird seit seinem Kindergartenalter von der Konduktiven Förderung begleitet und ist der Konduktiv Heilpädagogischen Tagesstätte Niederpöcking bis heute eng verbunden. Seine Geschichte machte eindrucksvoll sichtbar, worum es bei FortSchritt Bayern seit 30 Jahren geht: Menschen nicht über ihre Grenzen zu definieren, sondern über ihre Möglichkeiten.
Mit einem großen Sommerfest feierte die Konduktiv Heilpädagogische Tagesstätte Niederpöcking ihr 30-jähriges Bestehen. Gemeinsam mit Familien, ehemaligen Kindern der HPT, heutigen und früheren Kolleg*innen sowie zahlreichen Unterstützer*innen blickte FortSchritt Bayern auf drei Jahrzehnte voller Mut, Entwicklung und gelebter Inklusion zurück. Zu den Ehrengästen gehörten unter anderem Landrat Stefan Frey, Pöckings Erster Bürgermeister Rainer Schnitzler, Vincenzo Fantacone mit Band sowie Martin Kötzel und die Harley-Davidson-Fahrer des Munich Chapter, die die Einrichtung seit vielen Jahren begleiten und unterstützen.
Ein Märchen, das wahr wurde
Den emotionalen Höhepunkt des Festaktes setzte Tatijana von Quadt, Geschäftsführerin der FortSchritt Bayern gGmbH. In ihrer Rede erzählte sie die Geschichte ihres Bruders Simon als „Märchen, das tatsächlich wahr wurde“. Sie erinnerte daran, wie ihre Eltern Hanni und Peter von Quadt sich nie mit Prognosen zufriedengaben, sondern nach Wegen suchten, die Möglichkeiten ihres Sohnes zu entfalten. Aus dieser Suche entstand zunächst eine Reise zum Pető-Institut nach Budapest. Aus der persönlichen Erfahrung wurde eine Elterninitiative. Und aus dieser Initiative entwickelte sich FortSchritt Bayern, heute ein inklusives Sozialunternehmen mit über 30 Einrichtungen und Angeboten.
„FortSchritt ist aus der Liebe zweier Eltern zu ihrem Sohn entstanden. Aus dem Wunsch, Menschen nicht auf ihre Grenzen zu reduzieren, sondern sie dabei zu begleiten, ihre Möglichkeiten zu entdecken und ihren eigenen Weg zu gehen.“
Viele Gäste waren sichtlich bewegt. Immer wieder wurde deutlich: Dieses Jubiläum war weit mehr als ein Geburtstag. Es war ein Dank an alle Menschen, die diese Geschichte in den vergangenen 30 Jahren mitgeschrieben haben.
Konduktorinnen der ersten Stunde
Besonders emotional wurde es, als Magdolna Hauszknecht und Zsuzsanna Balázs auf die Bühne gebeten wurden. Die beiden Konduktorinnen kamen Mitte der 1990er-Jahre aus Ungarn nach Niederpöcking und gehörten zu den Menschen der ersten Stunde. Gemeinsam bauten sie die erste Konduktiv Heilpädagogische Tagesstätte Deutschlands mit auf.
„Wir hatten damals keine fertigen Konzepte. Aber wir hatten Kinder, Familien und den festen Glauben daran, dass Entwicklung möglich ist. Zu sehen, was daraus in 30 Jahren geworden ist, macht mich unendlich dankbar“, sagte Magdolna Hauszknecht.
Auch Zsuzsanna Balázs erinnerte daran, was die Konduktive Förderung bis heute ausmacht:
„Wir wollten nie auf Defizite schauen. Wir wollten Kinder dabei begleiten, selbst aktiv zu werden, Vertrauen in sich zu entwickeln und ihren eigenen Weg zu finden. Genau das ist bis heute unser gemeinsamer Auftrag.“
Wo Möglichkeiten wachsen
Die Geschichte von Johannes Richtmann zeigt, was Konduktive Förderung bewirken kann. Statt Defizite in den Mittelpunkt zu stellen, begleitet sie Kinder dabei, ihre Fähigkeiten zu entdecken, Selbstvertrauen aufzubauen und Schritt für Schritt selbstständig zu handeln. Dieser ganzheitliche Ansatz prägt FortSchritt Bayern bis heute.
Dass die Geschichte der HPT Niederpöcking noch lange nicht zu Ende erzählt ist, zeigte auch der Blick nach vorne: Bereits im September eröffnet die Einrichtung eine dritte Gruppe und schafft damit zusätzliche Plätze für Kinder und ihre Familien. Einrichtungsleiterin Zsuzsa K.-Barocsi blickte deshalb voller Zuversicht in die Zukunft:
„Seit 30 Jahren begleiten wir Kinder und ihre Familien mit Herz und Überzeugung. Dass wir nun wachsen und noch mehr Familien begleiten dürfen, ist für uns das schönste Geburtstagsgeschenk.“
Nach dem offiziellen Festakt verwandelte sich das Gelände in einen Ort voller Begegnungen. Fantacone & Band sorgten für beste Stimmung, Clown Caro brachte Kinder zum Lachen, der Taubenflüsterer faszinierte mit seinen Tieren und an den kreativen Mitmachstationen wurde gespielt, gebastelt und gemeinsam entdeckt. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte die Ausstellung des Künstlers Simon von Quadt. Mit seinen eindrucksvollen Porträts präsentierte ausgerechnet jener Mensch seine Sicht auf die Welt, dessen Geschichte einst den Grundstein für FortSchritt legte. Besucher*innen konnten sich zudem direkt vor Ort von ihm porträtieren lassen. Gemeinsam mit den Harley-Davidson-Fahrer*innen des Munich Chapter und vielen langjährigen Unterstützer*innen wurde das Jubiläum zu weit mehr als einem Sommerfest, es wurde zu einem lebendigen Ausdruck dessen, was FortSchritt Bayern seit 30 Jahren ausmacht: Menschen zusammenzubringen, Potenziale sichtbar zu machen und Gemeinschaft zu leben.
Am Ende blieb vor allem eine Botschaft: FortSchritt Bayern ist nicht aus einem Konzept entstanden, sondern aus der Überzeugung, dass jeder Mensch Potenziale in sich trägt.
Vor 30 Jahren begann in Niederpöcking eine Geschichte, weil Eltern sich weigerten, an Grenzen zu glauben. Heute begleiten über 30 Einrichtungen von FortSchritt Bayern Menschen in jedem Lebensalter. Und wenn Johannes Richtmann sagt: "Ich kann gehen.", dann wird deutlich, dass diese Geschichte noch lange nicht zu Ende erzählt ist. Sie wird jeden Tag weitergeschrieben, von Kindern, Familien, Kolleg*innen und allen Menschen, die daran glauben, dass Entwicklung dort beginnt, wo Vertrauen wächst.