Bundesverdienstkreuz für Hanni von Quadt - Ein Lebenswerk für Kinder mit Behinderung, ihre Familien und gelebte Teilhabe

Hanni von Quadt engagiert sich seit über vier Jahrzehnten mit außergewöhnlicher Konsequenz, Menschlichkeit und Weitsicht für Kinder mit Behinderung, ihre Familien sowie für den Aufbau inklusiver Bildungs- und Förderstrukturen in Deutschland. Für dieses herausragende gesellschaftliche Wirken wurde sie am 11. Februar 2026 in München mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Der Ausgangspunkt ihres Engagements liegt im Jahr 1985 mit der Geburt ihres Sohnes Simon. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wurde er zunächst als gesund entlassen, später zeigte sich, dass er mit einer schweren motorischen Behinderung lebt. Diese Erfahrung bedeutete für Hanni von Quadt einen tiefgreifenden persönlichen Einschnitt und zugleich den Beginn eines lebenslangen Einsatzes für andere Familien in ähnlichen Lebenssituationen. Bereits 1986 gründete sie eine Elterngruppe, um Austausch, gegenseitige Unterstützung, Wissen und Zuversicht zu ermöglichen.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Peter von Quadt lernte sie in dieser Zeit die Konduktive Förderung nach András Pető kennen. Diese ganzheitliche, entwicklungsorientierte Pädagogik eröffnete ihrem Sohn neue Wege zu Selbstständigkeit, Selbstwirksamkeit und Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig erkannten Hanni und Peter von Quadt das große Potenzial dieses Ansatzes für viele weitere Kinder mit Behinderung und ihre Familien in Deutschland.

1994 gehörte Hanni von Quadt gemeinsam mit ihrem Mann zu den Gründerinnen des „FortSchritt – Verein zur Verbreitung der Konduktiven Förderung e. V.“. Mit großem persönlichem Einsatz machten sie die Konduktive Förderung in Deutschland bekannt und setzten sich für ihre strukturelle Verankerung ein. Sie informierten die Öffentlichkeit, organisierten Vorträge und Fachtagungen, initiierten Sommercamps und holten Konduktor*innen aus Ungarn nach Bayern, um Kinder mit Behinderung ganzheitlich, würdevoll und entwicklungsorientiert zu begleiten.

Ausgehend von diesen ersten Impulsen wirkte die Konduktive Förderung weit über FortSchritt hinaus. Der von Hanni und Peter von Quadt aus Ungarn nach Deutschland gebrachte Ansatz wurde in den folgenden Jahren von weiteren Einrichtungen und Organisationen aufgegriffen, weiterentwickelt und in unterschiedliche Kontexte übertragen. So entstand ein bundesweites Netzwerk, das sich unter anderem im Bundesverband Konduktive Förderung nach Petö e. V. organisiert und in dem die Konduktive Pädagogik heute an vielen Orten gelebt wird, unter anderem auch bei Einrichtungen der Pfennigparade.

Aus diesem Engagement heraus entstand in Niederpöcking eine Konduktive Tagesstätte mit Kinderkrippe und Mutter-Kind-Gruppe – ein damals wegweisendes Modell, das Pädagogik, Therapie und Familie miteinander verband und die individuellen Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale der Kinder konsequent in den Mittelpunkt stellte. Über viele Jahre hinweg war Hanni von Quadt selbst im Alltag von FortSchritt tätig. Sie verantwortete unter anderem die Verpflegung, begleitete Familien eng, betreute Mitarbeitende, organisierte Wohnraum für Fachkräfte, koordinierte Möbel- und Sachspenden und übernahm zahlreiche verwaltungstechnische Aufgaben. Ihr Handeln war stets geprägt von Respekt, Zugewandtheit und einem tiefen Vertrauen in die Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen.

Aus dem Verein entwickelte sich im Jahr 2001 die FortSchritt Bayern gGmbH, die bis heute von der Familie getragen wird. Mit inzwischen über 400 Mitarbeitenden bietet FortSchritt Bayern ein breites Spektrum an Angeboten in der Kinder- und Jugendhilfe, der Frühförderung, dem Wohnen, dem Arbeiten, der Bildung sowie in weiteren Lebensbereichen. Der Träger steht exemplarisch für eine Haltung, die Menschen mit Behinderung nicht definiert, sondern begleitet, stärkt und Teilhabe ermöglicht – von der frühen Kindheit bis ins Erwachsenenalter.

Die Geschäftsführung der FortSchritt Bayern gGmbH liegt heute in den Händen der Tochter Tatijana von Quadt. Damit wird das von Hanni und Peter von Quadt aufgebaute Lebenswerk generationenübergreifend fortgeführt.

Gemeinsam mit ihrem Mann hat Hanni von Quadt maßgeblich dazu beigetragen, dass Inklusion, Selbstbestimmung und Würde von Menschen mit Behinderung in Bayern und darüber hinaus nicht nur eingefordert, sondern konkret gelebt werden. Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes würdigt dieses außergewöhnliche Engagement und ein Lebenswerk, das bis heute Wirkung entfaltet.

Was es nun noch braucht, ist die bundesweite Anerkennung der Konduktor*innen in Deutschland, als letzter, konsequenter Schritt, um das von Hanni von Quadt angestoßene Lebenswerk nachhaltig zu sichern und weiterzuführen.